Nuclear War: Lehren für den Alltag

Friedrich Dürrenmatt hat geschrieben: «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wende genommen hat.» Annie Jacobsen folgt in ihrem soeben erschienenen Buch «Nuclear War – A Scenario» dieser Vorgabe bis zur letzten Konsequenz. Was passiert bei einem Angriff auf die U.S.A. mit Nuklearwaffen? Jacobsen spielt Schritt für Schritt die Zuständigkeiten, Entscheidungen und Handlungen durch, die in diesem Szenario passieren. Nicht abstrakt, sondern konkret und personenbezogen. Das Buch liest sich daher wie ein Politthriller von Tom Clancy, ist aber schwere Kost. Trotzdem lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. Nicht nur deshalb, weil wir wieder in einer Epoche leben, in der offen mit Atomschlägen gedroht wird. Sondern auch, weil dem Buch einige nützliche Gedanken zugrunde liegen, die auch in alltäglicheren Situationen hilfreich sein können.

  • Denken in Szenarien. Das Buch zeigt auf, wie das Denken in Szenarien für die Entscheidfindung nutzbar gemacht werden kann. Was ist der schlimmstmögliche Ausgang? Was führt uns dorthin? Wie können wir das verhindern? Was sind Alternativen? Damit verwandt ist auch das sogenannte Pre-Mortem (im Gegensatz zum gängigen Post-Mortem, d.h. der nach dem Tod durchgeführten Untersuchung der Todesursache): Es wird ein unerwünschter Ausgang angenommen und dann rückwärts zurückgedacht, was geschehen muss, um von der heutigen Ausgangslage dorthin zu kommen. Ziel ist es, diejenigen Entscheidungen, Handlungen und Ereignisse aufzudecken, die vermieden werden müssen, damit der unerwünschte Ausgang nicht eintritt. Annie Jacobsen macht genau das. Sie schildert die Entscheid- und Handlungsfolge, mit der man vom Auslöser «Atomarer Angriff» zum Endpunkt «Weltuntergang» gelangt. Mit diesem Vorgehen zeigt sie vor allem auf, welche Strukturen, Prozesse und Zugzwänge dafür verantwortlich sind. Die Methode kann auch für alltäglichere Entscheidsituationen nutzbar gemacht werden, so zum Beispiel bei der in der Anwaltspraxis oft vorkommenden Beratung im Zusammenhang mit einem Konflikt. Was sind mögliche unerwünschte Ausgänge einer Konfliktsituation? Wie gelangen wir dorthin? Wie vermeiden wir, dorthin zu gelangen? Was für Alternativen stehen uns zur Verfügung?
  • Single Point of Failure. Das Buch zeigt die katastrophalen Konsequenzen auf, wenn ein dynamisches System nur dadurch gebändigt ist, dass eine einzelne zentrale Annahme eingehalten bleibt. In Jacobsens Szenario ist es die Annahme, dass Atomkriege nicht passieren können, weil die damit verbundene gegenseitige Zerstörung (Mutually Assured Destruction (MAD)) alle in Frage kommenden Teilnehmer vor einem Erstangriff abschreckt. Erweist sich diese Annahme als falsch, gibt es keine weiteren Sicherungspunkte, die ein Abrutschen in den nuklearen Höllenschlund verhindern. In einem hochdynamischen System kann die Situation sodann innert Kürze zu einem extremen Endzustand eskalieren. Wie bei der Kettenreaktion der Atombombe ist in Jacobsens Szenario die in Gang geratenen Eskalationsdynamik nicht mehr aufzuhalten. «There is no such thing as a small nuclear war.» Vor allem in dynamischen Situationen mit denkbaren fatalen Ausgängen verlangt eine umsichtige Entscheidfundung und auch Krisenprävention sich bewusst zu machen, ob es solche Single Points of Failure gibt und wie sie durch Redundanzen abgesichert werden können. In der Anwaltspraxis ist bspw. an einen komplexen Projektvertrag zu denken. Die zentrale Annahme, die ein Chaos verhindert, ist die allseitige Erfüllung der Vertragspflichten und die Erwartung, dass keine Partei ein Interesse hat, davon abzuweichen. Was sind die Folgen, wenn diese Annahme weggedacht wird? Mit was für Redundanzen können die Einhaltung sichergestellt oder die negativen Folgen eingedämmt werden? Mit was für Zwischensicherungen kann verhindert werden, dass man sich innert Kürze in einem extremen Endzustand findet?
  • Dynamische Entscheidsituationen. Das Buch beschreibt die unvorhersehbare Dynamik einer Situation, in der mehrere Beteiligte unter Zeitdruck und Zugzwängen und mit unvollständigen Informationen prozessgetriebene Entscheidungen mit desaströsen Konsequenzen für sich und andere fällen müssen, wobei das eigene Entscheiden vom Entscheiden der anderen Beteiligten abhängt. Vorhersehen zu wollen, wohin das eigene Handeln führen wird, ist unter diesen Umständen aussichtslos. Spätestens nach wenigen Entscheidrunden dürften sich alle Beteiligten in unerwartetem Gelände befinden. Ein eng geführter und laufend aktualisierter Entscheidprozess ist daher unabdingbar. Dazu kann bspw. das ACE-Konzept (Assess, Choose, Execute) verwendet werden, mehr dazu in einem früheren Beitrag hier: https://kern.law/entscheidfindung-in-dynamischen-situationen/. Ähnliche Herausforderungen gibt es auch in alltäglicheren Entscheidsituationen, in der Anwaltstätigkeit bspw. bei Verhandlungen oder Gerichtsprozessen. Vorhersehen zu wollen, wohin sich die Situation entwickeln wird, ist meistens unrealistisch. Sich die eigenen Entscheidprozesse mittels der gängigen Methoden (eben bspw. ACE) bewusst zu machen, bringt bereits viel Klarheit und Sicherheit. Ebenfalls hilft es, sich stets die Zugzwänge und blinden Flecken aller Beteiligten zu vergegenwärtigen.

Auch kleine Geschichten können eine schlimmstmögliche Wende nehmen. Und die Akteure kleiner Geschichten leiden an den Folgen. Es lohnt sich daher, die Lehren aus Jacobsens Szenario nicht nur zur Verhinderung des Weltuntergangs zu berücksichtigen, sondern auch in alltäglichen, kleineren Entscheid- und Handlungssituationen.