Entscheidfindung in dynamischen Situationen

Es gibt zahlreiche Bücher, welche die für eine Branche typischen Arbeitsmethoden auch für andere Berufsgattungen nutzbar machen wollen. Zwei Autoren mit etwas aussergewöhnlicheren Berufen haben das kürzlich ebenfalls getan. Hasard Lee aus der Sicht eines Piloten der U.S. Air Force und L. David Marquet aus der Sicht eines U-Boot-Kapitäns der U.S. Navy. Hasard Lees Buch konzentriert sich auf Entscheidfindung in dynamischen Situationen. L. David Marquet behandelt ebenfalls einen Aspekt dieses Themas (Effects-Based Operation), schildert im Übrigen aber vor allem Lehren zu Leadership und Change Management.

Hasard Lees Buch ist für all jene interessant, die Entscheide in dynamischen Situationen fällen und umsetzen müssen. Zur Veranschaulichung dient ihm seine Tätigkeit als Militärpilot und die damit verbundenen Herausforderungen: Entscheiden beim Betrieb eines Flugzeugkraftpakets (F-16, F-35) an den Grenzen technischer und physikalischer Möglichkeiten, je nachdem mit der Zusatzerschwernis, dass ein Gegner die Zielerreichung verhindern will. Es geht um Tätigkeiten, mit denen eine hohe Kadenz an Entscheiden verbunden ist, d.h. dass laufend richtige Entscheide gefällt und falsche Entscheide vermieden werden. Hinzu kommt, dass das Handeln und Reagieren eines Gegners mitzuberücksichtigen sind und den eigenen Entscheidspielraum begrenzen. Ausserdem muss damit gerechnet werden, dass sich die Ausgangssituation so entwickelt, dass die Anfangsentscheide rasch obsolet werden und deshalb angepasst werden müssen. Lee beschreibt das Entscheiden unter diesen Voraussetzungen als Wetten auf den zukünftigen Ausgang einer Situation und das Finden der besten Lösung aus einer Auswahl vieler.

In aller Kürze zusammengefasst geht es um die folgenden Themen:

  • Entscheidfreudigkeit: Man entscheidet immer. Auch das Unterlassen oder Aufschieben einer Entscheidung ist als Entscheidung zu betrachten. «No decision IS a decision, and it is usually a bad one.» Man kann nicht nicht entscheiden. Die Zügel aus der Hand zu geben und so den Dingen ihren freien Lauf zu lassen ist oft die schlechteste Lösung. Die im Buch beschriebenen Methoden dienen deshalb vor allem auch dazu, dass man sich dazu anhält, bewusst zu entscheiden und nicht den Default regieren zu lassen. Dafür hilft ACE.
  • ACE – Assess, Choose, Execute: Lee zeigt einen einfachen Handlungskreislauf, mit dem man sich in dynamischen Entscheidsituationen nicht verliert. Er veranschaulicht dies anhand des Air France-Flugs 447, der 2009 auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris verunglückte. Grund des Absturzes war ein Verlust des Situationsbewusstseins (situational awareness) der Piloten: Sie wussten nach einer Diskrepanz der Geschwindigkeitsanzeigen nicht mehr, in welcher Fluglage sich das Flugzeug befand und unternahmen nicht den Schritt, sich diese bewusst wieder zu verschaffen. Trotz dieser verlorenene Orientierung gaben sie Steuerinputs. Erst dadurch wurde das Flugzeug aus seiner immer noch sicheren in eine unsichere Fluglage gebracht. Weitere Steuerinputs bei fehlender Orientierung verschlimmerten die Situation laufend und brachten das Flugzeug am Ende zum Absturz. Lee zeigt auf, wie eine bewusste Analyse der Situation (Assess) rasch zu einer Wiedererlangung der Orientierung hätte führen könne und daraus abgeleitet auch die Auswahl (Choose) und Anwendung (Execute) angemessener Steuerinputs die Situation hätte retten können bzw. dass es so gar nicht zu einer kritischen Situation gekommen wäre. Weil die meisten Situation labil sind und leicht aus dem Gleichgewicht geraten können, ist vor allem das kontinuierliche Laufenlassen von ACE wichtig.
  • Fast-Forecasting: In aller Regel sind es wenige Faktoren, die in einer Situation den Ausgang wesentlich prägen. Es ist meistens nicht nötig, jeden in Frage kommenden Einflussfaktor zu berücksichtigen. Mit Fast-Forecasting werden anhand von Erfahrungswerten und einfachen Heuristiken gestützt auf die wenigen wesentlichen Faktoren die Ausgänge verschiedener Alternativen prognostiziert. Sodann werden die mit den Alternativen bewirkten Upsides und Downsides und die damit verbundenen Eintretenswahrscheinlichkeiten abgeschätzt. Daraus ergibt sich ein oft ausreichendes Gesamtbild, aus dem die angemessene Alternative ausgewählt werden kann. Es wird keine umfassende Analyse vorgenommen. Auch hier geht es vor auch um die bewusste Auseinandersetzung mit den Alternativen und ihren Folgen.
  • Effects-Based Operation: Aufgaben und Handlungen sollen vom gewünschten Endzustand her abgeleitet werden. Das Ziel ist vorgegeben und der Weg dahin wird dann rückwärts erarbeitet. Die Herangehensweise soll nicht prozessgetrieben sein (für Ziel A ist Prozess Z zu verwenden). Für dieses Vorgehen sprechen die folgenden Gründe. Unsicherheit: Vielleicht ist der gewohnte Prozess A in der gegebenen Situation gar nicht die geeignete Lösung. Dynamik: Vielleicht wird Prozess A im vorliegenden Fall durch äussere Einflussfaktoren und gegnerische Einwirkung verhindert oder erschwert. Flexibilität: Dieses Vorgehen öffnet den Blick auch für das unkonventionelle Anwenden von Instrumenten. Es erfolgt keine Selbstbeschränkung durch strikte Prozessvorgaben.
  • Eisenhower Matrix: Auch Lee erwähnt natürlich die bekannte Eisenhower-Matrix. Probleme werden anhand der beiden Parameter «Wichtigkeit» und «Dringlichkeit» klassifiziert und gestützt darauf wird die Triage vorgenommen: Wichtige dringende Probleme sind prioritär zu erledigen, unwichtige und nicht dringliche als letztes oder gar nicht.

Was hilft das alles bei der anwaltlichen Tätigkeit? Das Fällen richtiger und Vermeiden falscher Entscheide steht bei fast jeder Anwaltstätigkeit im Vordergrund. Und oft gibt es auch einen Gegner, der ebenfalls handelt und reagiert, woraus eine dynamische Entscheidsituation entsteht. Die Entscheidkadenz kann äusserst hoch sein (Verhandlungen, Gerichtsverhandlungen), es kann aber auch gemächlicher zu und her gehen (Schriftenwechsel im Verfahren). Der grösste Nutzen des Buchs liegt darin, dass es wieder einmal in Erinnerung ruft, sich immer bewusst mit der Entscheidfindung auseinanderzusetzen, eben getreu dem Weckruf » No decision IS a decision!». Die angebotenen Methoden können als sinnvolle Anleitung dienen, damit man in sich rasch entwickelnden und dynamischen Situationen den Überblick behält.